Lesen zwischen zwei Sprachen: wie Lesefreude erhalten bleibt
Wenn Kinder im Ausland aufwachsen, wird Deutschlesen schnell zur Pflichtübung. Warum das die Wirkung zerstört – und wie Familien Lesen als Gewohnheit erhalten, die trägt.
Kurz gesagt
Indem Lesen nicht zur Sprachförderung erklärt wird. Sobald ein Kind merkt, dass es liest, um sein Deutsch zu verbessern, wird aus einer freien Tätigkeit eine Aufgabe – und die Wirkung bricht ein. Wirksam ist der umgekehrte Weg: Stoff, der das Kind wirklich interessiert, eine Sprachebene unterhalb der Schulanforderung, ohne Kontrollfragen danach. Der Wortschatz wächst dabei von selbst, weil er beiläufig aufgenommen wird.
Warum kippt Lesen bei Auslandskindern so oft ins Widerwillige?
Ein Kind in Deutschland liest, weil das Buch spannend ist. Ein Kind im Ausland liest auf Deutsch oft, weil die Eltern es für wichtig halten. Das ist ein völlig anderer Ausgangspunkt – und Kinder spüren den Unterschied sofort.
Dazu kommt der Aufwand. Deutsche Bücher sind im Ausland umständlicher zu bekommen, teurer und seltener das, worüber die Freunde gerade sprechen. Die Landessprache liegt näher, in jeder Hinsicht.
Und schließlich der Schwierigkeitsgrad: Wenn ein Kind auf Deutsch langsamer liest als in der Landessprache, ist deutsches Lesen anstrengender. Anstrengung plus Pflichtgefühl ergibt zuverlässig Widerstand.
Welches Buch ist das richtige?
Die Antwort ist unbequem, aber eindeutig: das, welches das Kind lesen will. Nicht das mit dem größeren Lernwert, nicht das aus der Schulempfehlung, nicht das, was ihr selbst in dem Alter gelesen habt.
Für das Sprachwachstum ist die Regelmäßigkeit entscheidend, nicht der literarische Rang. Ein Kind, das drei Bände einer Fantasyreihe verschlingt, nimmt mehr Wortschatz auf als eines, das sich durch einen Klassiker quält – und behält dabei die Lust.
- Thema vor Niveau. Interesse trägt über schwierige Stellen hinweg, Niveau tut das nie.
- Eine Stufe unter der Schulanforderung. Freies Lesen soll flüssig sein, nicht fordernd.
- Reihen bevorzugen. Wer Band eins mag, liest Band zwei ohne neue Entscheidung.
- Sachbücher zählen. Für viele Kinder sind sie der bessere Zugang als erzählende Literatur.
- Comics und Graphic Novels zählen ebenfalls. Dialoge, Redewendungen und Tempo – alles echte Sprache.
- Zeitschriften und gute Blogs zählen auch. Kurze Texte senken die Einstiegshürde.
Wie viel muss ein Kind lesen, damit es etwas bringt?
Weniger, als die meisten annehmen – vorausgesetzt, es geschieht regelmäßig. Fünfzehn bis zwanzig Minuten am Tag, freiwillig und flüssig, wirken über ein Schuljahr erheblich. Eine Stunde am Sonntag unter Aufsicht wirkt kaum.
Der Grund liegt in der Art, wie Wortschatz entsteht: Ein Wort muss mehrfach in unterschiedlichen Zusammenhängen begegnen, bevor es verfügbar wird. Das braucht Menge über Zeit, nicht Intensität an einem Tag.
Wichtig ist außerdem, dass beim freien Lesen nichts abgefragt wird. Sobald am Ende eine Frage steht, liest das Kind anders – es sucht Prüfungsstoff statt der Geschichte. Genau der beiläufige Modus ist aber der, in dem Sprache hängen bleibt.
Schadet es, wenn unser Kind lieber in der Landessprache liest?
Nein. Lesekompetenz ist zu großen Teilen sprachübergreifend: Wer in einer Sprache gern und viel liest, hat die Gewohnheit, die Ausdauer und das Textverständnis – und bringt all das mit, sobald deutsche Texte dazukommen.
Problematisch wird es erst, wenn ausschließlich in der Landessprache gelesen wird und der deutsche Lesefluss dadurch langsam bleibt. Dann wird deutsches Lesen von Jahr zu Jahr mühsamer, und der Abstand vergrößert sich von selbst.
Die praktikable Lösung ist selten ein Wechsel, sondern ein Nebeneinander: Was ohnehin gelesen wird, bleibt. Dazu kommt regelmäßig etwas Deutsches – idealerweise aus demselben Interessengebiet.
Der Trick mit dem gleichen Thema
Wenn ein Kind gerade alles über Raumfahrt liest, ist ein deutsches Sachbuch über Raumfahrt der leichteste Einstieg überhaupt: Das Vorwissen trägt über unbekannte Wörter hinweg.
Dasselbe funktioniert mit Verfilmungen, Spielen und Serien. Wer die Geschichte kennt, liest den deutschen Text deutlich flüssiger.
Zählen Hörbücher und Serien auch?
Für den Wortschatz ja, und zwar deutlich mehr, als viele Eltern glauben. Hören liefert Wörter, Satzmelodie und Redewendungen in normalem Sprechtempo – all das, was Kindern im Ausland fehlt, weil sie außerhalb der Familie kein Deutsch hören.
Was Hören nicht liefert, ist die Schriftform: Rechtschreibung, Zeichensetzung, Satzbau im geschriebenen Deutsch, das Auge für längere Konstruktionen. Dafür braucht es Text.
Die sinnvolle Kombination ist beides nebeneinander – und für schwächere Leser die Kombination am selben Werk: hören und mitlesen. Das erhöht das Lesetempo spürbar, ohne die Lust zu kosten.
- Hörbücher auf Deutsch, gern während Fahrten oder vor dem Schlafen.
- Serien und Filme auf Deutsch mit deutschen Untertiteln, nicht mit Untertiteln in der Landessprache.
- Podcasts zu einem Interessengebiet des Kindes.
- Hörbuch und Buch parallel, wenn das Lesetempo bremst.
Was tun, wenn unser Kind gar nicht mehr liest?
Zuerst: nicht verhandeln. Diskussionen über Lesen machen aus einer Gewohnheit eine Machtfrage, und diese Frage gewinnt kein Elternteil dauerhaft.
Wirksamer sind Rahmenbedingungen. Eine feste, kurze Zeit ohne Bildschirm, in der gelesen werden kann. Bücher, die sichtbar herumliegen. Erwachsene, die selbst lesen. Und die Bereitschaft, jedes Buch abzubrechen, das nicht zündet – ohne Kommentar.
Wenn das Lesen selbst mühsam ist, also stockend und mit Verlust des Sinns, steckt oft mehr dahinter als Unlust. Dann lohnt es sich, das Lesetempo und das Textverständnis genauer anzuschauen, statt weiter zu motivieren.
Zum Mitnehmen
- Lesen aus Interesse baut Wortschatz auf, Lesen aus Pflicht kaum.
- Beim freien Lesen zählt das Thema mehr als das Niveau.
- Wer flüssig liest, lernt Wörter beiläufig – das ist die eigentliche Wirkung.
- Comics, Sachbücher und Hörbücher sind vollwertiger Lesestoff.
- Lesen in der Landessprache schadet dem Deutschen nicht.
Häufige Fragen
Sollen wir das Lesen belohnen?
Unser Kind liest nur Comics. Reicht das?
Ab welchem Alter sollten Kinder deutsche Schullektüre lesen?
Wie kommen wir im Ausland an deutsche Bücher?
Hilft Lesen gegen schlechte Deutschnoten?
Maike Rulfs-Zoua
Gründerin von Assadé, Lehrerin und telc-Prüferin
Über 30 Jahre Erfahrung als Lehrerin und Prüferin, Stationen am Goethe-Institut, an der Deutschen Schule Barcelona und der American International School of Riyadh. Mutter von fünf Kindern.
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